TDM leiset erste Hilfe im Erdbebengebiet - von  Dr. Aynur Neise
 

 

Am 17.August ereignete sich in der Türkei eine der größten Katastrophen dieses Jahrhunderts. Das gewaltige Erdbeben forderte Zehntausende von Todesopfern und Verletzten, machte Hunderttausende zu Obdachlosen und versetzte das gesamte Land in einen Schockzustand und tiefe Trauer.

In einer eilig einberufenen Sitzung der TDM wurden mehrere Hilfsaktionen beschlossen. Außer Geld- und Sachspenden zu sammeln, wollten wir den Überlebenden der Katastrophe direkt vor Ort medizinische Versorgung zukommen lassen.

Es wurde innerhalb kürzester Zeit eine Gruppe aus freiwilligen Helfern zusammengestellt, die am 20. August reisebereit war. Gleichzeitig erklärte der türkische Außenminister jedoch, daß kein Bedarf an medizinischer Hilfe bestehe. Nach mehreren Kontakten mit zivilen Hilfsorganisationen, die uns das Gegenteil versicherten, flog unsere sechsköpfige Gruppe mit den von Air Alfa zur Verfügung gestellten Tickets am 26.8.99 nach Istanbul. Dort trafen wir uns mit Dr. Mehmet Aylat, der bereits einige Tage zuvor in die Türkei geflogen war, um organisatorische Vorbereitungen zu treffen.

Die Mitglieder unserer Gruppe:

  • Dr. Aynur Neise, niedergelassene praktische Ärztin aus Essen
  • Dr.Mehmet Aylat, Assistenzarzt der Chirurgie aus Bottrop
  • Ilknur, Krankenschwester aus Wiesbaden
  • Sevda, Krankenschwester aus Hattingen
  • Selma, Arzthelferin aus Hamburg
  • Marcus Hosenfeld, Krankenpflger aus Gelsenkirchen
  • Kerstin Pallas, Pädagogikstudentin aus Köln

Leider erwartete uns auf dem Flughafen eine böse Überraschung. Ein Großteil unserer Kartons mit Medikamenten und Ausrüstung und unser Zelt war verschwunden. Es wurde uns mitgeteilt, daß sie vom Krisenstab beschlagnahmt und mit einem LKW-Konvoi nach Adapazari geschickt wurden.

Nachdem wir die Nacht in einem von der zivilen Kooperationszentrale reservierten Hotel verbracht hatten, wurden wir nach Düzce geschickt, wo man dringend medizinische Hilfe benötigte. Unterwegs machten wir Halt an einer Zeltstadt bei Adapazari, wo sich unsere Kartons befinden sollten. Man gab uns jedoch die Auskunft, daß das Abladen der LKW`s wegen des anhaltenden strömenden Regens und wegen Personalmangels etwa ein bis zwei Tage in Anspruch nehmen würde. Unverrichteter Dinge fuhren wir also weiter nach Düzce.

In dem dortigen Zeltlager außerhalb der Stadt bestand jedoch für weitere medizinische Hilfe kein Bedarf, so daß wir mit einem Auto, daß uns ein hilfsbereiter Mensch zur Verfügung stellte, die Umgebung erkundeten, um zu erfahren, wo wir helfen konnten. Überall bot sich uns ein furchterregender Anblick. Das Zentrum von Düzce war praktisch dem Erdboden gleich, die wenigen Gebäude, die nicht vollkommen eingestürzt waren, schienen kurz davor. Auch in Gölyaka, einer Kleinstadt in der Nähe, waren 85% der Gebäude eingestürzt. Dort erfuhren wir vom Bürgermeister, daß dringend medizinische Hilfe benötigt wurde.

Als wir nach Düzce zurückkehrten, um unsere Sachen zu holen, war in der Zwischenzeit hoher Besuch in der Zeltstadt angekommen. Neben dem Bürgermeister, Stadtdirektor und anderen Persönlichkeiten aus der Kommunalpolitik, war auch unter Begleitung zahlreicher Medienvertreter der Gouverneur von Bolu erschienen. Wir haben uns als Gruppe der Türkisch - Deutschen Medizinergesellschaft aus Deutschland vorgestellt und ihn über unsere Pläne informiert.

In Düzce wurden wir in einem Wohnwagen im Garten der Erste-Hilfe-Station einquartiert. Gölkyaka, genau auf dem Nordanatolischen Graben gelegen, hat mit seinen 6000 Einwohnern 103 Tote und Hunderte von Verletzten zu beklagen. Obwohl größtenteils als zwei- bis dreistöckig ausgeschrieben, waren alle eingestürzten Gebäude vier- bis fünfstöckig gebaut. Die unteren Etagen waren praktisch verschwunden. Daß die Zahl der Toten angesichts dieser Verwüstungen nicht höher ist, wird darauf zurückgeführt, daß viele Einwohner sich wegen der Haselnussernte außerhalb der Stadt aufhielten.

Die kleine Erste-Hilfe-Station hatte in den ersten Tagen 500 Patienten am Tag zu versorgen. Die beiden hier tätigen Ärzte hatten in der ersten Woche ohne Hilfe von außen 24 Stunden am Tag die Krankenversorgung aufrechterhalten, obwohl sie selbst und ihre Familien schwer vom Erdbeben getroffen waren. In der zweiten Woche kamen dann zwei Ärzte und zwei Krankenschwester von Bolu hinzu.

Wir wurden mit großer Dankbarkeit und Gastfreundschaft empfangen. Unsere gesamte Gruppe hat alles in ihrer Macht stehende getan, um unseren erschöpften Kollegen ihre Arbeit zu erleichtern. Zwei Tage haben wir unter äußerst schwierigen Umständen gearbeitet. Das Dach der Station war teilweise eingestürzt, die Mauern gerissen. Durch den anhaltenden strömenden Regen tropfte überall her Wasser ein, so daß der Boden ständig überschwemmt war. Abends waren wir total erschöpft. Eine unserer Krankenschwestern sagte, daß sie an einem Tag mehr Spritzen gesetzt habe, als in ihren 8 Berufsjahren zuvor. Verpflegt wurden wir aus der Küche des nahegelegenen Zeltlagers, wo speziell aus Bolu angereiste Köche für drei warme Mahlzeiten am Tag sorgten. Alle Einwohner der Stadt, waren in Zelten untergebracht, da auch die Menschen, deren Haus nicht eingestürzt war, aus Angst nicht in ihre Häuser zurückkehren wollten.

Für den dritten Tag wurde ein Besuch des Ministerpräsidenten Ecevit angekündigt. Soweit es ging wurde das Gebäude auf Hochglanz gebracht, Trümmer weggeräumt, mit der Ausbesserung des Dachs begonnen. Allerdings besuchte Ecevit uns dann doch nicht, aber wir hatten wenigstens eine saubere Krankenstation.

Die Zahl der täglich behandelten Patienten war natürlich nicht so hoch wie unmittelbar nach der Katastrophe, aber wir mußten trotzdem ununterbrochen arbeiten. Patienten, die stationär behandelt werden mußten, wurden mit einem schrottreifen Ambulanzwagen nach Düzce ins staatliche Krankenhaus gefahren. Inzwischen wurden wir immer wieder von Nachbeben erschüttert. Nach einem stärkeren Nachbeben stürzten sowohl in Gölyaka als auch in Düzce weitere Gebäude ein. Auch das Krankenhaus in Düzce wurde so stark beschädigt, daß alle Patienten in panischer Eile in den Garten geschafft wurden. Fortan wurden auch unsere Patienten in einer Zeltklinik behandelt.

Unsere Patienten litten überwiegend an Infektionen der Atemwege, des Magen- Darmtraktes und der Harnwege. Bei Kindern trat häufig in Verbindung mit Darminfektionen starke Dehydratation auf. Ältere Kinder und Erwachsene litten meist unter Schlafstörungen und starken Angstzuständen infolge des Traumas. Sehr beschäftigt waren wir auch mit Verbandwechsel und Wundversorgung.

Dem Bürgermeisteramt teilten wir mit, was wir an Medikamenten und medizinischen Artikeln benötigten und wurden meist unverzüglich beliefert. Der Bedarf wurde durch eintreffende Hilfslieferungen gedeckt. Unter der Bevölkerung bestand eine große Nachfrage nach Hygieneartikeln, Babywindeln und -nahrung. Den Kindern teilten wir Schokolade und kleinere Spielzeuge, die wir mitgebracht hatten, als Trostpflaster aus. Viele Privatleute kamen aus anderen Teilen der Türkei oder aus Deutschland, brachten verschiedene Hilfsgüter und arbeiteten in der Verteilung und Organisation. Vor allem die freiwilligen Helfer der Hilfsorganisation Akut arbeiteten unermüdlich. Ebenso das Militär, das für Aufbau und Ordnung in den Zeltstädten sorgte. Die Bevölkerung selbst jedoch, auch die jüngere im arbeitsfähigen Alter, zeigte leider erstaunlich wenig Einsatz und verhielt sich passiv und abwartend. Auf unsere Nachfragen erhielten wir meist die Antwort, daß sie Geschädigte des Erdbebens und obdachlos seien. Andererseits war auch einer der Ärzte mit seiner Frau und seinen zwei Kindern unter den Trümmern seines Hauses verschüttet worden; nach ihrer Rettung eilte er jedoch sofort in die Erste-Hilfe-Station, um seitdem fast pausenlos Verwundete und Kranke zu versorgen.

Am vierten Tag wurden wir von einem Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Anadolu interviewt, woraufhin am 31.8.99 in den meisten Tageszeitungen ein Bericht über unsere Arbeit als freiwillige Helfer von TDM erschien. Dadurch wurde ein ARD-Team auf uns aufmerksam und begleitete uns mit der Absicht, diese Reportage im Mittagsmagazin auszustrahlen, während unseres Besuchs im Waisenhaus in Adapazari. Der Grund unseres Besuches war, daß wir besonders bedürftige Kinder und Familien ausfindig machen wollten, um ihnen seitens TDM über einen längeren Zeitraum Hilfe zukommen zu lassen. Adapazari war besonders schlimm von der Katastrophe getroffen worden. Ein unbeschreibliches Bild der Verwüstung bot sich uns. Vier bis fünf Straßenzüge waren total zerstört, allein die Räumung dieser Trümmermassen scheint unvorstellbar.

So lernten wir eine vierzehnköpfige Familie kennen, die durch das Beben obdachlos geworden war. Wir erfuhren, daß acht der zwölf Kinder taubstumm sind und die einzige Einnahmequelle der Familie, das Taxi des Vaters, ebenfalls durch das Beben zerstört war. Wir überließen ihnen außer einem Geldbetrag, der für die erste Zeit reichen wird, unsere Regenjacken, Gummistiefel, Schlafsäcke und einen Teil unserer Kleidung.

Als unser Fahrer auf der Rückfahrt erfuhr, daß wir uns seit einer Woche nicht waschen konnten, ließ er sich nicht davon abhalten, uns zu den nahegelegenen Thermalquellen zu fahren. Wir erfuhren, daß die Quelle direkt auf dem Nordanatolischen Graben liegt und nach dem Beben 1967 langsam zu versiegen drohte. Durch das kürzliche Beben begann sie jedoch wieder stark zu sprudeln. So bekamen wir an unserem letzten Abend die Möglichkeit zu baden.

Einen Tag vor unserer Abreise bekamen wir von Air Alfa unsere Pakete mit den Medikamenten und anderen Hilfsgütern, die wir daraufhin der Krankenstation spendeten. Das große Zelt, das wir für unseren eigenen Bedarf mitgebracht hatten, und zwei weitere Zelte für jeweils vier Personen übergaben wir an zwei bedürftige Familien.

Nebenbei möchte ich noch erwähnen, daß Gölyaka landschaftlich wunderschön gelegen ist Sobald man sich außerhalb der Stadt befindet und die Schäden des Erdbebens aus dem Blickfeld verliert, ist man überwältigt von der landschaftlichen Schönheit der Umgebung.

Der Bürgermeister und die Ärzte in der Krankenstation haben uns ganz herzlich eingeladen, nach Beseitung der Erdbebenschäden Gölyaka und Bolu zu besuchen. Wie wäre es, wenn TDM eine Reise oder ein Seminar in dem Gebiet organisieren würde und wir so einen kleinen Beitrag zum Aufbau des Tourismus in diesem Gebiet leisten, das noch einen langen, mühevollen Weg vor sich hat ?

Dr. Aynur Neise
 

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